Feinster Soul, nackte Haut, JFK & Gruppendenken
Erykah Badu ist wieder da, und zwar mit ihrer neuen Single “Window Seat”. Das alleine würde schon genügen um einen Artikel darüber zu schreiben. Denn Badu ist eine der ganz Großen im “New Soul”-Geschäft. Ihr Album “Mama’s Gun” aus dem Jahr 2000 verliert auch nach 10 Jahren Airplay nichts von seiner hypnotischen Wirkung. Die neue Single wird allerdings vom Video bzw. den Reaktionen darauf überschattet.
Das One-Shot-Video wurde in Dealey Plaza in Downtown Dallas gedreht. Erykah Badu läuft durch die Elm Street und entkleidet sich Stück für Stück bis sie völlig nackt genau an der Stelle angelangt ist, an der John F. Kennedy erschossen wurde. Die Stelle des Attentats wird im Video mit einem X markiert und auch Badu wird im Video erschossen und fällt zu Boden. Ihr blaues Blut rinnt nahe des X aus und formt das Wort “Groupthink“.
Badu macht in diesem Video ein klares Statement und will eine Diskussion über das Gruppendenken starten. Was ihr bis dato nicht gelungen ist. Denn anstatt diesen Anreiz aufzunehmen wird die in Dallas geborene Sängerin für ihre Entblößung kritisiert.
CBS News titelt in einem Artikel über das Video etwa “Is her stripping illegal or just poor taste?”, was noch eine der harmloseren negativen Ressonanzen ist. Es scheint sich nur schwer der Eindruck vermeiden zu lassen, dass die texanische Reaktion auf das Video etwas damit zu tun hat, dass Erykah Badu eine afroamerikanische Frau ist, die sich in der Öffentlichkeit entblößt und noch dazu kritische politische Ideen über ihre Kunst transportieren möchte. Klar hätte sich niemand Jahre zuvor sagen getraut, dass einmal eine Afroamerikaner Präsident der Vereinigten Staaten wird, aber Barack Obama hat die Wahlen auch nicht mit einem pointierten Zeigen auf die Verbrechen der USA an ihren afroamerikanischen Mitbürger_innen gewonnen, sondern mit seiner Vision eines versöhnlichen, gemeinsamen Amerikas. Also alles andere als Malcolm X-Style.
Doch zurück zur Botschaft des Videos: Groupthink. Gruppendenken, dass ist (kurz zusamenfassend) das Unterordnen der Vernunft des Individuums in einer stark hierarchischen Gruppe. Gruppendenken steht diametral der Idee des Aufklärers Immanuel Kant gegenüber (“Wage es, deinen eigenen Verstand zu gebrauchen”). Gruppendenken kann gefährlich werden, denn es fördert das Entstehen einer starken Führerfigur und es gibt oft irrationalen Handlungen den Vorzug. Mit ihrem Statement drückt Badu die Finger auf eine große Wunde in Amerika. Denn die gesellschaftlichen Strukturen in Amerika bauen eben auf solchen Gruppen auf.
Der kontinentaleuropäische Republikanismus war und ist bedeutend für die Gründung und die Geschichte der USA. Der Geist des Republikanischen schwört auf das Gemeinwohl und gerade in Zeiten der “chronischen Terrorbedrohung” erhofft man sich durch Gemeinschaften (Nachbarschaftshilfe, Bürger_innenwehr etc.) Sicherheit und Stärke und gibt dafür viele persönliche Freiheiten auf. Das man in dieser Haltung die Ursache vieler Schwierigkeiten im gesellschaftlichen und politischen Klima Amerikas finden kann ist naheliegend.
Mehr dazu:
Musikrezension auf derstandard.at
Erykah Badu über die Dreharbeiten zum Video auf Sooh.com


Großartiger Artikel. Endlich macht sich mal jemand Gedanken darüber, um was es Badu wirklich gegangen sein könnte/ist.
Der Republikanismus ist ja wirklich ausschlaggebend in den USA – vor allem auch bei der Republikanischen Partei (oho, welch Zufall!). Erwähnenswert ist hier sicher auch das Tea Party Movement, welches sich genau der angesprochenen Dinge bedient.